Das Buch der Psalmen gehört zu den poetischen Büchern der Bibel und ist von David, dem wohl bekanntesten König Israels. Als gehorsamer Sohn seines Vaters Isai hatte er sich bereits in jungen Jahren um eine Herde Schafe treu und hingegeben gekümmert. Die Tiere wurden von ihm versorgt und unter Einsatz seines Lebens geschützt. Ein wunderbares Bild auf Jesus, den guten Hirten, der weit mehr sogar sein Leben für die Schafe gelassen hat und zum Lamm Gottes wurde, welches „die Sünde der ganzen Welt wegnimmt“. David kannte das Wesen des wahren Hirten und wusste auch genauestens über die Eigenschaften und Bedürfnisse der Schafe Bescheid: diese schwachen, wehrlosen und abhängigen Wesen, die völlig orientierungslos sind. In Psalm 23 findet aber ein interessanter Rollenwechsel statt: Hier ist David das Schaf und Gott selbst ist der Hirte. Nur aus dieser Perspektive heraus kann der Psalm richtig verstanden und angewendet werden.

Wer ist der Herr?

Laut dem hebräischen Urtext beginnt David nicht mit „Der HERR“ („adonai“), einem von den Juden nachträglich eingesetzten, aussprechbaren Namen Gottes, sondern mit dem Tetragramm „YHWH“, ausgesprochen als Jahwe. Davids Hirte ist niemand geringerer als der, den er persönlich kennengelernt hat: der „Ich bin“, der „Unveränderliche“, Jahwe M’Kaddesch, „Ich bin der ich bin, der Heilige und der heiligt“, Jahwe Zidkenu, „der Gerechte“, Jahwe Zebaoth, „Ich bin der ich bin der Heerscharen“, Jahwe Jireh, „der Versorger“, Jahwe Rapha, „der Arzt, der wiederherstellt“, und auch Jahwe Schammah, „Gott ist hier“. David, der Mann nach dem Herzen Gottes, hat ein weites und tiefes Gottesbild. Sein Hirte ist 100 % heilig, 100 % gerecht, 100 % Versorger, 100 % Vater, … Und mein Gott? Ist er „nur“ der liebende und barmherzige Vater, der mich kennt, mein cooler Freund, der auch mal einen Film mit mir anschaut und versteht, dass ich manchmal keinen Bock habe, in die Gemeinde zu gehen, oder keine Zeit zum Beten habe? Hat es der Feind geschafft, dass wir Christen von der anderen Seite des Pferdes runterfallen, von der Gesetzlichkeit zum lieben Schmuse- und Wohlfühlpapi geshiftet sind?

Jesus lehrt uns zu beten: „Vater unser, der du bist in den Himmeln“. Aber das war nicht alles: „Geheiligt werde dein Name“ geht es weiter. „Heiliger Vater“ sagte Jesus betend. Wir müssen das richtige und komplette Gottesbild haben, denn mein Gottesbild prägt meinen Glauben, meine Furcht Gottes, mein ganzes Sein, Denken, Reden und Handeln. Die rechte Gotteserkenntnis macht mich stark (Dan 11,32). Die Männer und Frauen Gottes des Alten und Neuen Testaments kannten Gott und erwiesen sich als stark, als unabhängig von den Umständen des Lebens und ihrer körperlichen Verfassung.

Der Herr ist mein Hirte

Dieser „Jahwe“ ist der Ro’i (Hirte) Davids und auch mein Ro’i. Halleluja. Wie kein anderer geht er als Vorbild voran, schaut beständig auf mich, passt auf, schützt mich, ernährt mich, weidet, pflegt und heilt mich. „Mir wird nichts mangeln“. Kein Pastor, keine Gemeinde, keine Bibelschule kann das sein und kann mir das geben, was dieser Hirte ist und mir gibt. Kein Seminar kann mich mit dem ausstatten, was nur der Geist Gottes mir geben kann. Gott gibt immer alles, was ich benötige, um seinen Willen tun zu können. Mehr benötige ich auch nicht: Ich habe sein Wort, seine Erlösung, seinen Heiligen Geist, seine Gnade, seine Gemeinde und seine Gegenwart.

„Jahwe“, der Hirte, „weidet mich auf einer grünen Aue“. Die Aue ist sein Wort, das „Brot des Lebens“, welches er mir in meiner Sprache gegeben hat. Aber wie die Schafe fressen müssen, so muss auch ich das Wort Gottes glaubend lesen und leben. Nur dann bringt es mir etwas. „Er führt mich zum frischen Wasser“, ein Bild für den Heiligen Geist („Ströme lebendigen Wassers“ – Joh 7,38). Wie das Schaf, so muss auch ich trinken, mich nach dem Heiligen Geist, der Geistestaufe, der ständigen Geistesfülle, der Geistesfrucht, den Geistesgaben und der Geistesleitung ausstrecken. Dann wird es nie an Frische und Salbung fehlen („Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein“). David schreibt weiter: „Er erquickt meine Seele“. Ja, er tut genau das, wenn ich all meine Sorgen auf ihn werfe, mich seinem Willen unterordne (Mt 11,28-29) und trotz aller Umstände meiner Seele befehle: „Lobe den HERRN“ (Ps 103,1-2). „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Die Gegenwart des lebendigen Gottes in uns macht uns nicht nur fähig, die tiefsten Täler vertrauensvoll zu durchleben, sondern dabei auch auf der Grundlage seiner perfekten und sicheren Führung, die so manches Mal auch notwendige Korrektur beinhaltet, getröstet zu sein. Diese Gegenwart Gottes ist auch der gedeckte Tisch, den ich vor mir habe, trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen um des Namens Jesu willen. Welch eine Verheißung besonders für unsere verfolgten Geschwister und auch für uns, die wir von Jesus als Lämmer unter die Wölfe gesendet werden. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“ Was für ein herrlicher und hoffnungsvoller Abschluss. Bereits David wusste, dass er den Segen nicht suchen braucht, sondern dieser ihm folgen wird. Aber was bezweckt der Hirte mit allem, was er tut? – Er will, dass wir mit ihm leben und ihn kennenlernen. Nicht nur hier auf der Erde, sondern später – dann vollkommen – in der ewigen Herrlichkeit. Paulus hat das begriffen: „Denn das Leben ist für mich Christus, und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21). Kannst du das auch sagen?

Wir fassen zusammen

Der gute Hirte ist Jahwe, Mensch geworden in Jesus. Er will uns alles geben, was wir brauchen, um ihn kennenzulernen und seinen Willen zu tun. Aber wir müssen mitarbeiten, unseren Teil dazu beitragen, damit dies Realität wird. Gott geht voran – ich will ihm folgen und gehorchen und für immer bei ihm sein. Wahrhaftig: „Der Herr ist mein Hirte“.

Helmut Kühn war 21 Jahre als Missionar in Chile tätig und investiert sich nun als Gemeindereferent in einer Gemeinde sowie als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Glaubenszentrum.