Zu meiner Freude durfte ich in meinem Elternhaus und auch in unserer christlichen Gemeinde viel Liebe und gute Beziehungen erleben. Für die klaren Regeln, meistens biblisch begründet, bin ich im Nachhinein dankbar. Sie waren hilfreich, mir selbst zu sterben und im Glauben zu reifen.

Heute mache ich mir aber schon ernsthafte Gedanken, dass immer mehr Christen eine Art Antipathie gegen Regeln entwickeln und manche sogar behaupten, dass ein Einhalten von Regeln nichts mit dem neuen Bund zu tun hätte. „Wir sind vom Einhalten der Gesetze befreit“, hört man sogar. Diese Überzeugung basiert aber auf einem falschen Verständnis des biblischen Zeugnisses.

Richtig gelebte Freiheit in Christus drückt sich im aufopferungsbereiten Dienst am Nächsten aus.

Paulus – ein Mann der Regeln

Der Apostel Paulus ist uns allen als ein Mann bekannt, der aus einer pharisäisch, sehr gesetzlich geprägten Vergangenheit kam. Mit seiner Bekehrung zu Christus sind bei ihm drei Prinzipien im Umgang mit dem Gesetz bzw. Regeln zu entdecken:

Erstens wusste er, dass er in Christus ein freier Mensch war und weder seine Gerechtigkeit vor GOTT noch sein Selbstwert vom Einhalten von Regeln abhängig war. Er widerstand vehement jedem Versuch, in Werksgerechtigkeit zurückzufallen. „Steht nun fest, und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten!“ (Gal 5,1). Diese Freiheit bedeutete für ihn aber keineswegs, nun regelfrei zu sein. Im Gegenteil: Er verstand sich dem Gesetz Christi untergeordnet. Geistinspiriert stellt er selbst, wie auch Jesus, viele Regeln (auch Richtlinien oder Gesetze genannt) auf, z. B.: „Niemand suche das Seine, sondern das des anderen“. Diese imperative Aufforderung war keine Bitte. Richtig gelebte Freiheit in Christus drückt sich im aufopferungsbereiten Dienst am Nächsten aus: „Nur gebraucht nicht die Freiheit als Anlass für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe!“ (Gal 5,13b).

Zweitens wusste Paulus, dass er sich selbst und der Welt gestorben war: „… ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19b–20a). „Mir aber sei es fern, mich zu rühmen als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal 6,14). Das bedeutet für uns, dass die Freiheit vom Fluch des Gesetzes und das neue Leben im Geist jetzt dem Nächsten, und vorrangig zur Errettung der Verlorenen, dient, nicht meinem Ego. Die Mode soll ein hilfreicher Diener und kein dominanter Herrscher sein. Mein Körper ist zum Tempel des Heiligen Geistes zum Lobpreis seiner Herrlichkeit transformiert und kein Versuchskaninchen oder Schaufenster für die Moden dieser Welt. Davon bin ich frei gemacht. Halleluja. Wir sind jetzt immer und überall ein „Brief Christi“ (2.Kor 3,3), und auch die „säkulare“ Arbeit ist im neuen Bund ein Dienst an Gott. Ganz nach dem Stil Jesu.

Ein drittes Prinzip ist die Bereitschaft, sich bereitwillig solchen Regeln unterzuordnen, die von aufrichtigen, geistgeleiteten Leitern aufgestellt werden, die der Schrift gehorsam sein wollen. Der Apostel Paulus hatte keine Schwierigkeiten, sich mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem zu treffen und die zum Frieden, zur Freude und zum Trost der Gemeinden beitragende Entscheidung anzunehmen und weiterzugeben (Apg 15).

Das NT – ein Buch der Regeln

Im neuen Bund gibt es viele Regeln und Gesetze: sich vom Götzenopferfleisch, vom Blut, vom Erstickten und von Unzucht fernhalten, nicht lügen, Vater und Mutter ehren, nichts vom Nächsten begehren, vergeben, damit Gott auch vergibt u.v.a.m. Und wir tun recht daran, sie zu halten. Es geht nicht darum zu versuchen, die Regeln innerhalb des neuen Bundes theologisch wegzudeuten, sondern sie dankbar anzuerkennen und als das zu praktizieren, was sie sind: Wort GOTTES. So oft hat Jesus aus dem Alten Testament zitiert und gesagt: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“. Darauf liegt eine große Verheißung: „… wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren“ (Joh 14,21).

Wir sind nicht durch Werke errettet, wohl aber um die Werke zu tun, die er vorbereitet hat.

Wer hat uns eine Anti-Regel-Brille aufgesetzt? Die moderne Gnadenbewegung? Lasst sie uns wieder absetzen. Wir werden nicht durch das Einhalten von Gesetzen gerecht gemacht, aber das Gesetz ist und bleibt „heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut“, denn es ist „geistlich“ (Röm 7,12+14). David liebte das Gesetz von ganzem Herzen (Ps 119,47–48). Er sah Gott darin, denn es war von GOTT, ein Ausdruck seines wunderbaren und vollkommenen Wesens und Willens. Lieben wir auch das Gesetz, lesen und studieren es (Ps 1) und prüfen, was davon im neutestamentlichen Kontext für uns anzuwenden bleibt? Im alten Bund musste das Prinzip „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Hab 2,4) zur Rettung ernst genommen werden. Im neuen Bund gilt dies ebenso, aber auch „dass der Glaube ohne die Werke nutzlos ist“, ja, sogar „tot“ (Jak 2,20+26). Wir sind nicht durch Werke errettet, wohl aber um die Werke zu tun, die er vorbereitet hat. Wenn es im neuen Bund keine Regeln und Gesetze mehr bräuchte, warum ist dann das Neue Testament voll davon und nicht einfach auf drei Worte reduziert worden: „Lebt im Geist!“?

Mein Umgang mit Regeln zeigt die wahre Einstellung meines Herzens auf.

Hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Die Regeln zeigen auf, wie das Leben im Geist aussieht. Wir sind dabei, dies zu lernen. Mein Umgang mit Regeln zeigt die wahre Einstellung meines Herzens auf. Die Regeln sind nicht das Problem, sondern mein undiszipliniertes Leben und mein eigensinniges Herz. Nicht das Gesetz Gottes ist böse, sondern das Herz des Menschen. Warum tun wir uns so schwer, Regeln anzunehmen? Würde Gott mich morgen nach Syrien aufs Missionsfeld schicken, dann würde ich mich im Vorfeld sehr gut informieren, worauf ich dort alles zu achten hätte, und mich aus Liebe zu den Menschen und zum eigenen Schutz an die vorhandenen Regeln und Gesetze bedingungslos anpassen. Und jetzt hier, wo ich bin? Wo es auch nicht um mich geht? Wo auch Menschen errettet werden sollen? Wo ich ein Vorbild für andere sein soll? Ist nicht auch hier mein Körper ein Tempel des Heiligen Geistes?

Gott hat versprochen, dass er den Demütigen Gnade gibt (Jak 4,6). Lasst uns ein Herz für das gesamte Wort Gottes haben und ein tägliches Leben im Geist anstreben, demütig und belehrbar bleiben, ausgerichtet auf Jesus und den Gehorsam seinem Wort und damit seinen Geboten gegenüber.

Helmut Kühn

Helmut Kühn ist stellvertretender Bibelschulleiter im Glaubenszentrum und war zuvor 21 Jahre als Missionar in Chile tätig.